DAS SALZMÄDCHEN (Liebesroman)

Klappentext

Die 24-jährige Ella arbeitet in einem kleinen Feinkostladen in Heidelberg und führt ein einsames Leben mit ihrer geliebten Adoptiv-Oma. Als Oma Margret plötzlich stirbt, werfen ihre letzten Worte Rätsel über Ellas Herkunft auf. »Du musst nach Mallorca… Deine Mama..« Hals über Kopf reist Ella auf die Insel, um dem Geheimnis auf die Spur zu gehen. Als plötzlich eine alte Frau auf dem Markt »Sie lebt! Das Salzmädchen lebt!« schreit und der charmante Miguel sie mit auf die Casa Emilia nimmt, wird Ellas Leben komplett durcheinandergewirbelt. Das schmerzhafte Geheimnis um ihre Mutter, eine hoffnungslose Liebe, Mut und Leidenschaft führen Ella in eine spannende, aber ungewisse Zukunft an der mallorquinischen Küste.

Kapitel 1

Ein lauwarmer Wind wehte ihr entgegen, als sie in der Mitte des kleinen Strandes saß und der Tag sich langsam zur Nacht verwandelte. Endlich konnte sie loslassen, endlich liefen Tränen das schmale, zarte Gesicht entlang. Sie fühlte sich genauso leer und verlassen wie der Strand, an dem sich normalerweise Menschen dicht aneinandergedrängt sonnten. Jetzt konnte sie nur den Wind, das Meeresrauschen und ihren eigenen festen Atem hören. Ella wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus den dunkelbraunen Augen und blickte zum Horizont, an dem die Sonne längst untergegangen war. Die Weite des Meeres machte ihr plötzlich Angst. Sie fühlte sich einsam und verloren. »Was mache ich eigentlich hier?«, hörte sie sich selber flüstern.

* * *

Es war erst vier Tage her, dass ihr Leben noch ganz normal verlief. Ella war 24 Jahre alt, hatte einen Job, ein paar Bekannte und eine liebevolle Adoptivoma, der sie eine Menge zu verdanken hatte.

Mit frischen Einkäufen beladen, öffnete sie die quietschende Tür des alten Hauses, in dem sie mit ihrer Oma Margret wohnte. Sie mochte dieses Haus, in dem sich schon so viele Momente ihres Lebens abgespielt hatten. Die alte geflieste Treppe, auf der sie früher ihre ausgemusterten Spielsachen zum Verkauf anbot, das mit Holz beplankte Vordach, in dem die Spatzen nisteten oder der verwilderte Garten, in dem sie ihre ersten Schritte machte. Ella konnte sich an jeden Moment genau erinnern. Und jeder Moment wurde begleitet von ihrer »Oma Margret«, die ihre Adoptivenkelin wie eine Tochter aufgezogen hatte.

Wie gewohnt streifte Ella sich die Schuhe ab, legte den Schlüssel auf die geschnitzte Kommode im Flur und betrat die Küche, um die Einkäufe einzusortieren.

»Hallo Oma, ich bin’s«, rief sie flüchtig Richtung Wohnzimmer.

Nachdem die Einkäufe verstaut waren, blieb ihr Blick an dem Fotokalender neben dem Kühlschrank hängen. Das Polaroidfoto zeigte Oma Margret, Ella und ihren Adoptivvater an einem schönen Tag im Juli, Ellas fünftem Geburtstag. Es war das letzte Bild von Paul Wagner, den Ella für immer als ihren Vater in Erinnerung behalten würde, und so wurde der Kalender schon seit neunzehn Jahren nicht weitergeblättert.

Ella ging in das Wohnzimmer, in dem der Fernseher leise lief. Der mit Fell gepolsterte Fernsehsessel war leer. Lediglich ein paar Füße schauten waagerecht neben dem großen hölzernen Wohnzimmertisch hervor. Die fein bestickte Tischdecke lag auf dem Teppich, auf dem sich eine kleine rote Pfütze ausbreitete. Ella verlor den Boden unter den Füßen und ihr wurde schwarz vor Augen. Sie konnte sich an nichts erinnern, was anschließend geschah. Wie sie panisch zu Oma Margret eilte, den Krankenwagen rief, die Wunde am Kopf notdürftig verband und zitternd neben ihr kauerte, bis die Sanitäter endlich eintrafen. Sie wusste nichts mehr von der Fahrt im Krankenwagen, dem grellen Licht der Notaufnahme oder davon, wie sie die Nacht auf der harten Krankenhausbank verbrachte, während ihre Oma im OP lag.

Am nächsten Morgen wurde Ella von einer jungen Ärztin geweckt. Es dürfte höchstens sieben Uhr gewesen sein, als sie in ein Krankenhauszimmer geführt wurde. Oma Margret lag reglos da, die Augen leicht geöffnet. Ella setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett, als die Ärztin ihr von der Hirnblutung erzählte, die durch den Sturz entstanden war, davon, dass die nächsten 24 Stunden darüber entscheiden würden, ob sie noch eine Chance hätte.

Ella umfasste Margrets weiche, faltige Hand. Sie wollte am liebsten losweinen, doch ihre Augen blieben trocken. Zu tief saß der Schock. Sie wusste, dass der Tag kommen würde und trotzdem war sie nicht darauf vorbereitet. Margret war ihre ganze Familie, alles was sie noch hatte. Was sollte sie jetzt bloß tun?

In den nächsten sieben Stunden saß Ella neben dem Krankenhausbett und kämpfte mit ihren Gedanken. Sie fühlte sich an jenen Tag zurückversetzt, an dem ihr Adoptivvater starb. Die nur noch blasse Erinnerung einer Fünfjährigen, die lediglich verstand, dass Papa auf einer langen Reise war, eine Reise die niemals endete und die ihr ganzes Leben verändern würde. Würde sie heute erneut einen geliebten Menschen verlieren?

Ella nickte langsam auf dem Stuhl ein. Sie war erschöpft, kraftlos. Die Gedanken verloren sich, als sie ihre Augen schloss und die Müdigkeit sie übermannte. Sie musste tief und fest geschlafen haben, als sie plötzlich einen leichten Druck an ihrer Hand spürte. Erst beim zweiten Mal realisierte sie, dass es Oma Margrets Hand war, die den Druck auslöste. Sie war sofort hellwach, setzte sich auf und sah in diese liebevoll vertrauten Augen. Augen, die immer sofort gewusst hatten was Ella dachte.

»Oma, du bist wach! Oh Gott, du bist wach!«

Margret bewegte ihre trockenen Lippen. Ella verstand die Geste und hob das Wasserglas vorsichtig an Margrets Mund.

»Mein Kind, du siehst müde aus«, flüsterte sie und ein vorsichtiges Lächeln umspielte ihren Mund.

»Oma, ich bin so froh, dass es dir besser geht. Brauchst du etwas? Ich hole sofort die Ärztin.« Ella wollte aufstehen, doch Margrets Hand, die eben noch schlaff da lag, spannte sich fest um ihre.

»Bleib hier meine Ella. Meine Kräfte verlassen mich, ich spüre das.«

»Sag sowas nicht!«, entgegnete Ella. »Du wirst wieder gesund und dann fahren wir nach Hause!«

»Weißt du noch, als dein Vater uns verlassen musste?«, fragte Margret.

»Ja, aber dieses Mal passiert das nicht«, erwiderte Ella verzweifelt.

»Paul hat es auch gewusst. Das habe ich in seinen Augen gesehen.« Margret versuchte sich ein wenig mehr Richtung Ella zu drehen, doch sie war zu schwach. Sie verschluckte sich und der Husten raubte ihr weitere Kräfte.

»Ella, ich möchte, dass du glücklich wirst«, flüsterte sie nun immer leiser. »Du sollst etwas wissen. Deine Mutter hat dich sehr geliebt.«

Verwundert zog Ella die dunklen Augenbraunen nach oben. Vielleicht hatte der Sturz Margret durcheinandergebracht.

»Du musst dich ausruhen Oma. Du kanntest meine Mutter doch gar nicht.« Jetzt legte Ella die Hand ihrer Oma zur Seite und stand auf, um die Ärztin zu holen. Sie ging Richtung Tür.

»Doch, Ella. Es tut mir leid.«

Ella blieb mitten im Raum stehen und sah ihrer Oma in die Augen. Was hatte sie da gerade gesagt? Margret hielt ihrem Blick stand.

»Was sagst…« Ella wurde durch einen Hustenanfall ihrer Oma unterbrochen. Sie stürzte zum Bett, machte kehrt, lief wieder zurück zur Tür, riss diese auf und schrie nach Hilfe. Margrets Husten wurde mit jedem Mal leiser. Ella eilte zurück zum Bett, griff erneut ihre Hand und beugte sich über sie.

»Komm näher«, hauchte Margret mit letzter Kraft.

Ella musste ihr Ohr fast an Margrets Mund senken, um zu verstehen was sie sagte.

»Du musst nach Mallorca…« Erneut ein leises Husten. Deine Mama…« Ein leises Röcheln. »Mallorca…«

Die Ärzte stürmten zur Tür herein und schoben Ella zur Seite. Blut tropfte aus Margrets Nase. Mit dem letzten Atemzug blieb ein geheimnisvolles, sanftes Lächeln auf Margrets Gesicht zurück. Sie bewegte sich nicht mehr.

Die nächsten Tage zogen an Ella vorbei. Das Krankenhaus unterstützte sie bei der Organisation der Beerdigung. Nur wenige Bekannte meldeten sich bei Ella, scheinbar nicht um ihr Beileid auszudrücken, sondern lediglich um selbst von ihr getröstet zu werden. Bereits drei Tage später stand Ella mit einem Dutzend Menschen am frischen Grab ihrer Großmutter, blickte auf den dunklen Sarg herab und ließ eine weiße Rose darauf fallen. Sie waren beide Einzelgänger gewesen. Ella und Margret gegen den Rest der Welt. Sie hatten nie darüber nachgedacht, wie traurig es sein würde, nur mit Bekannten und nicht mit Freunden am Grab des anderen zu stehen. Ella konnte keine klaren Gedanken fassen. Sie blieb regungslos stehen, bis alle Gäste verschwunden waren.

Selbst als die Erde den Sarg vollständig bedeckte, gingen ihr immer noch die gleichen Fragen durch den Kopf. Was hatte ihre Oma gemeint? Hatte sie ihre Mutter tatsächlich gekannt oder waren ihre Worte die wirren Folgen des schweren Sturzes? Und was hatte das alles mit Mallorca zu tun? Ella fühlte sich, als sei ihr ganzes Leben in Frage gestellt worden und es gab niemanden, der ihr hätte helfen können.

Ella saß in der Küche des Hauses und starrte auf das Foto auf dem Kühlschrank. Die Beerdigung war erst zwei Stunden her, aber sie fühlte sich so allein, als wären schon Jahre vergangen, ohne dass sie ihre Oma ansehen, anfassen oder mit ihr lachen konnte. Margret hatte sie mit nichts als unendlicher Trauer und einem bruchstückhaften Rätsel zurückgelassen. Ella wusste nicht wie lange sie da saß. Es musste gegen Mittag gewesen sein, als sie sich irgendwann den Reiserucksack packen sah, die Schatulle mit dem Bargeld aus dem Wohnzimmer nahm, das Foto vom Kühlschrank entfernte, es in ihre Jackentasche steckte und wortlos in das Taxi stieg.

Als sie das nächste Mal aufwachte, saß sie in einem Flugzeug. Das aufgesetzte Lächeln der Stewardess, der Geruch nach aufgewärmter Lasagne, die verrauschte Lautsprecherdurchsage – sie wollte sofort zurück, um sich zu Hause im Bett zu verkriechen. Lediglich der Gurt gab ihr den nötigen Halt, um nicht panisch zu werden. Eine harte Landung, der sich schlängelnde Weg zum Gepäckband und sie war da. Sie ging durch die automatische Glasschiebetür nach draußen, atmete einmal tief durch und hatte keine Ahnung, was sie da tat. Ella musste in den erstbesten Bus gestiegen sein, bevor dieser eine gute Stunde später an einer verlassenen Haltestelle anhielt.

»Señora?«, fragte der Busfahrer auffordernd.

Sie stieg aus, ohne zurückzublicken und der Bus fuhr wieder in die Richtung, aus der er gekommen war. Ella fand im Dunkeln zu einem abgelegenen Strand und legte ihre Sachen ab. Nachdem sie endlich alle Tränen vergossen hatte, schlief sie ein, ohne darüber nachzudenken was der Morgen bringen würde.

 

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